Von Christoph Rüedi (Präsident KV Sensetal,
Kleintierarzt und Hundeliebhaber) im Juli 2008
Seit dem tragischen Beissunfall in Oberglatt im
Dezember 2005 ist auch in der Schweiz (wie schon zuvor in
Deutschland und anderen Ländern) eine hitzige
politische Diskussion zum Thema Hund und Hundehalter
entbrannt. Leider wird die Diskussion meist emotional
und wenig sachlich geführt und es melden sich sehr
viele Politiker zu Wort, die über eine ungenügende
Sachkenntnis verfügen.
Die Entwicklung der letzten Jahre bezüglich
Hundehaltung bewegt mich dazu, diesen öffentlichen Brief ins
Internet zu stellen. Durch aufreisserische Artikel
bestimmter Boulevardzeitungen wurde auf Kosten von uns
Hundehalter, aber vor allem unserer Hunde das Bild
des ältesten und treuen Haustieres und Begleiters von
uns Menschen stetig verunglimpft und zu einem
Sündenbock degradiert!
Die Suche nach Sündenböcken ist ja seit je eine
menschliche Eigenschaft, entspricht aber immer einer
verzerrten Wahrnehmung der Realität! Man stürzt sich
auf ein Thema um Schlagzeilen zu machen (Auflage
steigern oder sich als Politiker zu profilieren!).
Leider liessen sich auch einige Kynologen verleiten, sich auf die
scheinbar unvermeidliche Argumentation einzulassen.
Die Motive sind sicher sehr unterschiedlich: die Einen
mögen sich sagen, wir wollen Schlimmeres verhindern
und machen in der Hundepolitik freiwillig
(fragwürdige) Zugeständnisse, die anderen riechen (zu
recht) eine Zunahme von Macht oder Geld, falls jeder
Hundehalter zu Ausbildungen gezwungen wird.
Wie überall ist natürlich auch hier eine Spur
Wahrheit zu finden: Es gibt ebenso verantwortungslose
Hundehalter wie es verantwortungslose Autolenker
gibt. Dieser Missstand lässt sich aber nicht allein durch
Ausbildung korrigieren, sondern auch der Vollzug
müsste dort wahrgenommen werden, wo eine
ungenügende Tierhaltung vorliegt. Wahrscheinlich
hätte der Vorfall in Oberglatt schon vor drei Jahren mit
bestehenden Gesetzen verhindert werden können! Eine
weitere Zunahme von Gesetzen und Auflagen bringt
einen riesigen administrativen Aufwand von Behörden
mit sich (wer bezahlt das?) und das Vollzugsdefizit
wird mit Sicherheit noch größer! Die fehlbaren
Hundeführer können sich weiter verstecken – dann vielleicht
sogar hinter einem amtlichen Kursausweis!
Man sollte nicht vergessen: Eigenverantwortung kann
nicht in einem Kurs gelernt werden!
Es ist absolut einsehbar, dass Veränderungen in
unserer Gesellschaft in den letzten zehn oder zwanzig Jahren
auch Änderungen in der Hundehaltung erfordern. Dass
wir aber plötzlich alles über Behörden regeln sollen
und alle Hundehalter durch Ausbildungszwang zu ihrem
Glück kommen sollten, entspricht eher einem
revolutionären Gehabe oder Umsturzversuch
(bestehender Strukturen) als einer stetigen Anpassung nach
Bedarf. Viel besser bewährt sich in der Praxis die
vorhandenen Ressourcen (Vereine, Hundeschulen,
kynologische Organisationen) durch
Ausbildungsangebote zu fördern und finanzielle Anreize zu schaffen –
beispielsweise Erlass von Hundesteuer bei Erreichen
eines bestimmten Ausbildungslevels. Diese sanfte
Lenkung würde ohne riesigen Beamtenapparat mit
weniger Geld eine weit effizientere Wirkung zeigen!
Dadurch, dass durch Medien und Politiker verschiedene
Probleme miteinander vermischt werden, wie
Vollzugsprobleme der Behörden versus vermeintliche Gesetzeslücken,
verantwortungslose Hundehalter
versus überforderte Hundehalter, kriminelle Halter
versus gefährliche Hunde, wird für den Laien die
Beurteilung von Fragen über Hundehaltung und
allfälligem Handlungsbedarf praktisch unmöglich.
Hier wird es die Aufgabe von uns Hundehalter sein,
durch seriöse Information die Bevölkerung aufzuklären.
Die Forderung, alle oder zumindest Neuhundehalter
müssten eine praktisch Ausbildung absolvieren (gegen
einen theoretischen Kurs ist, wenn fachlich
überzeugend, nichts einzuwenden), bewirkt folgerichtig, dass
erstens eine riesige Anzahl von Hundeteams
ausgebildet werden müssten und somit auch entsprechend viele
Ausbilder benötigt würden. Bei 500'000 Hundehalter
ergibt das beeindruckende Zahlen! Aus meiner
Erfahrung ist gerade der Sektor Hundeerziehungskurs
das anspruchsvollste Thema für einen Hundetrainer. In
unserem Verein rechne ich mindestens mit drei bis
fünf Jahren praktischer und theoretischer Ausbildung bis
ein Ausbilder eine solche Aufgabe übernehmen kann. Er
muss dazu über einen gewinnenden Charakter,
didaktische Fähigkeiten und theoretische Kenntnisse
verfügen. Angesichts solcher Ansprüche zweifle ich an
der Machbarkeit dieses politischen Wunschgedankens!
Wie die Entwicklung in anderen fehlgeleiteten
Gebieten, wie beispielsweise dem Kanton Freiburg bereits
aufzeigt, hat sich weitgehend bestätigt, was
voraussehbar war:
Mit einem riesigen administrativen Aufwand und der
Ernennung von noch mehr sogenannten Experten wird
dort bereits versucht, einen kleinen Anteil der Hunde
auf Verhaltensauffälligkeit zu testen. Dabei ist schon in
der Auswahl der Hunde eine Willkür zu erkennen.
Ähnliches zeigt sich bezüglich der
Hundehalterprüfung, wo „Experten“ in wenigen Tagen ausgebildet wurden.
Einige dieser „Experten“, welche Kurse und Prüfungen
dazu anbieten, können selbst ihre eigenen Hunde
nicht von der Leine lassen!
Kurz es wird viel Geld (Millionen im zweistelligen
Bereich) umgesetzt werden, ohne dass Qualität geboten
würde. Dazu kommt, dass Leute, welch zu Kursen
gezwungen werden, sehr schwer zu motivieren sind! Wir
riskieren somit, uns in einigen Jahren, trotz
riesigem Aufwand, lächerlich oder unglaubwürdig zu machen!
Ich bin eigentlich von der SKG auch insofern
enttäuscht, als ich kein wissenschaftliches Fundament erkenne:
wichtige Fragen wie Welpenaufbau, nationale
Hundepolitik werden scheinbar nur in eigenen Reihen
diskutiert. Die Halterprüfung ist aus Programmen
anderer Nationen abgeleitet worden und hält einer
wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.
Wir verfügen in der Schweiz über hochkarätige
Wissenschafter / Ethnologen und lizenzierte Hundeschulen,
sowie einige hochbegabte und erfolgreiche
Hundetrainer. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die
Weichenstellung in dieser wichtigen Phase (und auch
vorher) nur über SKG – Leute und – Vertraute geführt
wurde, wenn man sich doch des Stellenwertes der Sache
bewusst sein sollte.
Es ist für uns auch kein Vorteil, wenn unsere
vermeintlich grösste Lobby, die SKG sowie auch andere Instanzen
eine solch restriktive Politik unterstützen, welche
auf Gesetze, Vorschriften und Bevormundung durch den
Staat setzt. Die schlechten Hundehalter werden
dadurch keineswegs dezimiert (wir haben in den letzten drei
Jahren eine markante Zunahme von sogenannten
Kampfhunderassen / Molosser in ländlichen Gebieten
gerade durch junge, unerfahrene Leute erfahren!).
Eine zentrale Säule der Hundehaltung ist und bleibt,
wie gesagt, die Eigenverantwortung. Es gibt aber keinen
Test, der die Eigenverantwortung erfassen könnte!
Verantwortungslose Hundehalter zu erfassen ist aber
Aufgabe von Behörden und Justiz. Hier besteht aber
bereits heute mit den bestehenden Gesetzen ein
Vollzugsproblem! Dieses Vollzugsproblem wird durch immer
mehr Gesetze nicht kleiner werden! Noch schlimmer
wäre, den Juristen das Feld zu überlassen, durch